Auswirkungen von Peak Oil auf die Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft

Moderator: marc

#14858
Ein neuer Faden zum Thema Solarrevolution, Energiewende, 100% EE, etc...

Es geht mir darum, alternative Standpunkte zur allgemein akzeptierten
Lehrmeinung zur Diskussion zu stellen, nach der es erstrebenswert ist,
alternative Energieträger zu entwickeln, um den Verlust fossiler Rohstoffe
auszugleichen oder zu ersetzen. Abseits von Alltagsmeldungen
interessieren mich Themen wie Entwicklungsideologie, Fortschrittsdenken und
Technikbegeisterung.

Bei genauerem Hinsehen, habe ich festgestellt, ist es überhaupt nicht klar,
weshalb wir die fehlenden Energien ersetzen sollten. Ich habe den Eindruck,
viele Menschen (~99%) reagieren reflexartig auf das Thema („...was, uns wird
Energie fehlen? Ja, da müssen wir aber was tun!“) und stellen sich nicht die
grundlegenden Fragen, ob man auch zu viel Energie zur Verfügung
haben kann. Ob es eine Sättigungsgrenze gibt, ab der die unsichtbaren Sklaven
eher schaden als nutzen.
[hr]
Um einmal anzufangen will ich auf meinen Beitrag hier
antworten: Es geht um Ivan Illichs Buch Selbstbegrenzung - Eine politische Kritik der Technik
(Textauszüge hier). Das ist eines dieser Bücher, in denen man Textstellen markiert und
Bemerkungen an den Rand schreibt. Ich habe das Buch hier vor mir und will
einmal einige dieser markierten Textstellen vortragen.

Zum Thema Polarisierung (S. 105):

„Die heutige Werkzeugstruktur forciert [sic] das Bevölkerungswachstum
und lässt neue Wohlstandsebenen entstehen. Das Wachstum geht an den
beiden entgegengesetzten Enden des Privilegienspektrums vor sich. Die Zahl
der Unterprivilegierten wächst stetig, während der Überfluss der schon
Privilegierten immer größer wird. Die Unterprivilegierten können so ihren
frustrierten Forderungen immer mehr Nachdruck verleihen, während die
Reichen ihre vermeintlichen Rechte und Bedürfnisse verteidigen. Hunger und
Hoffnungslosigkeit treiben die Armen dazu, die beschleunigte
Industrialisierung zu fordern, während sich die Reichen um des Erhalts ihres
Wohlstandes willen dazu getrieben fühlen, frenetisch immer mehr zu
produzieren.“


Die Wachstumsideologie ist eine Folge unserer Werkzeuge. Die Macht unserer
Werkzeuge hängt von der ihnen zur Verfügung stehenden Energie ab. Laut
Illich führt aber Wachstum zu einer Polarisierung, entgegen der anerkannten
Lehrmeinung des trickle down-Effekts. Wenn dem so ist, können die
glorreichen 30 Jahre nach dem 2. Weltkrieg als Ausnahme gesehen werden
und die konservative Renaissance ab Mitte der siebziger Jahre als Reaktion
darauf.

Zum Thema Obsoleszenz (S. 115):

„Das, was Menschen haben und das, was für sie in Aussicht steht, treibt sie
gleichermaßen zur Verzweiflung. Die sich beschleunigende Veränderung macht
abhängig und gleichzeitig ist sie unerträglich. Spätestens ab diesem Punkt
besteht keine Ausgewogenheit mehr von Stabilität, Wandel und Tradition. Die
Gesellschaft hat ihre Wurzeln in der gemeinsamen Erinnerung verloren, ist
aber auch orientierungslos bezüglich der Innovation. Frühere Wertungen
bedeuten nichts mehr.“


Da habe ich eine aktuelle Meldung, die mich ergrausen hat lassen:
Handy-Mast auf dem Mount Everest... soviel zum Thema Orientierungslosigkeit
bezüglich der Innovation!

S.125:

„Neunzig Prozent aller medizinischen Betreuung von Patienten mit
unheilbaren Krankheiten hat keinerlei positive Auswirkung auf deren
Gesundheit.“


S.126:

„Der Mensch ist von Natur aus mobil, und man muss schon nachweisen,
dass höhere Geschwindigkeiten als die, die er durch den Gebrauch seiner
Gliedmaßen erreichen kann, von großem gesellschaftlichen Nutzen sind, um
rechtfertigen zu können, dass die Allgemeinheit dafür Opfer bringt.“


Vom Zusammenbruch zum Chaos, (S. 155):

„Industrie und maschinelle Produktion schlagen die Menschen immer noch
so sehr in ihren Bann, dass sie das Potential einer postindustriellen
Gesellschaft nicht erkennen vermögen, in der mehrere unterschiedliche
Produktionsweisen einander ergänzen. Indem sie versuchen, eine
hyperindustrialisierte und doch ökologisch verträgliche Ära einzuleuten, tragen
sie zum beschleunigten Zusamenbruch einer Reihe anderer, nicht natürlicher
und doch ebenso fundamentaler Dimensionen der Ausgewogenheit der Lebens
bei.
(meine Hervorhebung)

Und als Abschluss noch zum Thema „Plötzlicher Wandel“, S. 161:

„Solche Parteien sind Stützen eines Staates, dessen einziges Ziel die
Steigerung des Bruttosozialproduktes ist, und es ist offensichtlich, dass sie
zum Zeitpunkt eines allgemeinen Zusammenbruchs zu nichts zu gebrauchen
sein werden.“


Brauchen wir mehr Energie, um weiteres Wachstum zu erzeugen? Fehlt es uns
noch an irgendetwas, das wir unbedingt noch entwickeln müssten?

-Kristall
von PowerGmbH
#14860
.
Zuletzt geändert von PowerGmbH am Mi Mär 25, 2015 16:49, insgesamt 1-mal geändert.
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von Legendenkiller
#14876
@Kristall
wow super beitrag.

Im prinzip kann man sagen das es wünschenswert wäre, das der Mensch pro kopf sehr viel Energie hat ... da er so ein sehr hohes Wissenwachszum erzeugen kann.

Praktisch ... ist der Mensch immernoch nicht reif für so viel Energie :-/
Was hätte man damit alles sinnvolles Machen können ?

Und was machen wir damit , wir kloppen uns die Köpfe, mit immer mornderen Waffen, ein und den Rest verschleudern wir in sinnlossen mit viel Aufwand erzeugenten Konsum.
Um aber gleichzeitig der Masse aller Menschen (fast)jeden technischen Fortschritt vorzuenthalten.

Ich meine so eine kleine Denkpause von ein paar 100 Jahren tut der Menschheit ganz gut, bis sie zum nächsten Energieboom kommt.
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von Arvid
#14880
@Kristall
Habe mir heute mal drei Bücher von Illich bestellt, darunter das letze Werk, den Intervieband. Ich bin gespannt.

@Power...
Die Blutigkeit eines Krieges hängt in gar keiner Weise von der zur Verfügung stehenden Energie ab. Allenfalls Skaleneffekte fallen weg, die aber über die Zeit kompensiert werden.

Beispiele gefällig:
- Dreissigjähriger Krieg in Europa, vernichtet wurde ein Drittel der Bevölkerung des Deutschen Reiches.

- Kambodscha
In der knapp vierjährigen Diktatur der Roten Khmer starben durch Krankheiten, Hunger und politische Massenmorde schätzungsweise 2-3 Millionen Kambodschaner (von etwa 7 Millionen).

- Ruanda / Burundi
Innerhalb kürzester Zeit (100 Tagen) wurden etwa eine Million Menschen getötet, grötenteils wurden sie mit Macheten erschlagen.

Es gibt bis zum Erbrechen Beispiele aus der chinesischen Geschichte, indischen Geschichte, römischen Geschichte, wie man ohne jegliches Öl, ohne Kohlekraft belibiege Ausrottungsgrade erzielen konnte. Aus war es durchaus schon vor Jahrtausenden möglich, Landstriche dauerhaft zu verwüsten: Karthago nur mal als Stichwort.

Vielleicht ein wenig in die Geschichte schauen, das hilft der Bildung und dem Verständnis der Welt. Für die Menschen allerdings, bleibt mir nur Unverständnis.

Arvid
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von cephalotus
#14881
So manches ist durchaus wünschenswert.

Ich beleuchte meine Pflnazen (Karnivoren) mit Kunstlicht und da mir angesichts der benötigten Strommengen natürlich auch das Herz blutet muss ich diesbezüglich stets Kompromisse eingehen zwischen optimalem Wachstum und minimalem Energieverbrauch.
Hätte ich mehr Energie zur Verfügung wäre das schön.

Heute hab ich mir ein heißes Vollbad gegönnt und das ist durchaus eine feine Sache. Auch da fände ich es antürlich toll, wenn man das "einfcah so" haben könnte, ohne darüber Nachdenken zu müssen, wieviel Energie eigentlich da drin steckt.

Nur zwei Beispiele.

mfg
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von Axel F.
#14899
Kristall schrieb:

"Fehlt es uns
noch an irgendetwas, das wir unbedingt noch entwickeln müssten?"

Es gibt noch etwas, was fehlt:

Lebensqualität, bzw. die Definition desselben.

Ich denke, würde man jegliches Produkt daraufhin
überprüfen, ob es einen qualitativen Beitrag für
das Individuum liefert, wir sehr schnell eine Antwort
auf die Energiefragen bekommen...

Grüße

Axel
von PowerGmbH
#14900
.
Zuletzt geändert von PowerGmbH am Mi Mär 25, 2015 16:48, insgesamt 1-mal geändert.
Benutzeravatar
von Kristall
#14916
Legendenkiller hat geschrieben:@Kristall
wow super beitrag.
Praktisch ... ist der Mensch immernoch nicht reif für so viel Energie :-/


Hi Legendenkiller,

danke, aber ich habe doch nur ein paar Textstellen aufgeschrieben :wink:

Dass wir „noch nicht reif sind...“ ist ein interessanter Satz, denn das
würde ja bedeuten, dass wir es irgendwann einmal sind. Also dass wir uns zu
diesem Stadium hin entwickeln! Genau das ist aber meiner Meinung nach
die große Lehre des Fördermaximums, nämlich, dass das westliche
Entwicklungsmodell eben ein Modell ist, eine Theorie, aufgestellt von den
„großen“ Denkern der Aufklärung. Genau das ist das Thema, dass ich mal ein
bisschen genauer diskutieren wollte!

Axel F. hat geschrieben:Es gibt noch etwas, was fehlt:

Lebensqualität, bzw. die Definition desselben.


Es gibt schon Versuche, den zu messen, beispielsweise den HDI,
ich bin aber kein Fan von solchen Datensammlungen...

cephalotus hat geschrieben:Nur zwei Beispiele.


Ich habe seit zehn Jahren konstant immer weniger Energie verbraucht und
habe festgestellt, dass das Leben dadurch viel mehr Sinn bekam: Lesen statt
Fernsehen, selbst musizieren statt Musik hören (ich singe sogar :) ), Rad und
Fuß statt Auto (ist viel geselliger!), etc... Jedesmal, wenn ich auf Energie
verzichtet habe, bin ich mit mehr Leben belohnt worden. Darum kam mir ja der
Gedanke, dass es eine Schwelle gibt, ab der mehr Energie schadet statt nutzt.

-Kristall
Benutzeravatar
von Legendenkiller
#15003
Kristall hat geschrieben:
Legendenkiller hat geschrieben:@Kristall
wow super beitrag.
Praktisch ... ist der Mensch immernoch nicht reif für so viel Energie :-/


Hi Legendenkiller,

danke, aber ich habe doch nur ein paar Textstellen aufgeschrieben :wink:

Dass wir „noch nicht reif sind...“ ist ein interessanter Satz, denn das
würde ja bedeuten, dass wir es irgendwann einmal sind. Also dass wir uns zu
diesem Stadium hin entwickeln! Genau das ist aber meiner Meinung nach
die große Lehre des Fördermaximums, nämlich, dass das westliche
Entwicklungsmodell eben ein Modell ist, eine Theorie, aufgestellt von den
„großen“ Denkern der Aufklärung. Genau das ist das Thema, dass ich mal ein
bisschen genauer diskutieren wollte!



Ja aber es sind Absätze die ich so nie gelesen hätte und die einen mal wieder "anschubsen" Sachen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.


Naja das der Mensch mit eher wenig und konstanter Energie (gut) Leben kann haben ja z.b. die Aborigines in Australien mehrere 1000 Jahr gezeigt. Sie lebten in Harmonie mit sich und der Umwelt. Und das Sie ihre Lebensqualität als schlecht angesehen haben kann eigentlich nicht sein ...
Welche Gesellschaft lebt schon mehrere 1000 Jahr in einen unbefriedigenden Zustand :-).
Die Kosten einer solchen "Harmonie" sind allerdings eine sehr langsame technologische und kulturelle Entwicklung. Aber wozu sollte man es auch eilig haben ? Unsere Sonne wird noch 2-5 Mrd Jahre für Menschen gut geeignetes Klima erzeugen. Ein bischen Zeit haben wie also noch.

Ein Mensch der in seinem Keller ein riesigen Schatz findet neigt ebent dazu unvernümftige Sachen zu machen ;-)
Und auf Gier stand in vielen Kulturen die Todesstrafe ... und das hatte seinen guten Grund.

Zur Lebensqualität: sie lässt sich auf keinen Fall an die Energieverbrauch festmachen.
Hatte ein Aborigines, ein Indianer oder ein mittelalterlicher Europäer den wirklich so schlechte LQ ? Ja sicher sie hatten viel weniger Konsumprodukte, weniger Bequemlichkeit und starben früher ... aber wahren sie, zumindest in guten Zeiten, unzufriedener ?!? ...
Alle 3 Gruppen hatten midestens das doppelte an "Freizeit", in der sie sich selber verwirklichen konnten. Deswegen sind in diesen 3 Kulturen, und so manch anderer Kultur, so viele Sachen entstanden die wir heute unter "kulturellen Schätze" Verwalten ...
Sie hatten einfach als Gesellschaft genug Zeit dafür ... IMO sehr beneidenswert.

Das wenige was der Industriealismus, der letzten 200 Jahre, an "Kulturschätzen" gebracht hat dürfte einzig und alleine in die Kategorie "Gigantomanismus" fallen, selbst in sachen Umweltzerstörung.

@Öl vs Waffen
Naja das Öl(fossile Brennstoffe) die Tötungsgeschwindigkeit und viel wichtiger die Reichweite erhöht hat steht aber fest.
Ein Römer musste in einer scheiß schweren Ausrüstung zu Fuß auf ca 1m rankommen um jemanden die Rübe runterzuschlagen.
Heute kann man n Köpfsche drücken und ein paar minuten später fallen 100km entfernt viele Menschen Tot um.

Um im Dreissigjähriger Krieg ein Drittel der Bevölkerung des Deutschen Reiches zu töten hat es ebend mehrere Jahre gebraucht.
Heute kann mann 50%+ der Weltbevölkerung in Sekunden bis wenigen Stunden auslöschen ...
von Scherbe
#15005
Die Kosten einer solchen "Harmonie" sind allerdings eine sehr langsame technologische und kulturelle Entwicklung. Aber wozu sollte man es auch eilig haben ? Unsere Sonne wird noch 2-5 Mrd Jahre für Menschen gut geeignetes Klima erzeugen. Ein bischen Zeit haben wie also noch.



Langsam kann eine kulturelle Entwicklung nicht sein. Wir definieren Kultur auch sehr eigenartig. So und so viele gemalte Bilder, so viele hundert Millionen Euro für ein neues Museum, so und so viel Förderung, Platinschallplatte, bestseller. Aber wieviele Menschen können singen, wie viele Menschen können eine Geschichte erzählen, wie viele Menschen können kochen, oder sonstwas?
Ich bin nicht nostalgisch, worauf soll ich mich da beziehen, aber manchmal denke ich mir, wenn wir noch 50 Jahre unsere Hochkultur ausleben und auf die Spitze treiben, werden sich die Menschen vielleicht massenweise eine Kugel in den Kopf jagen. Vielleicht kann mir das jemand bestätigen oder widerlegen, aber unter den Jugendlichen sind die Haupttodesursachen diverse Unfälle und Selbstmord.
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von Axel F.
#15006
"mittelalterlicher Europäer den wirklich so schlechte LQ "

Also das Mittelalter war dann wohl doch eher von mieser Qualität, Es sei den man war von adeligem Geblüte im Besitz von ausreichend Land.

Als Mönch war es wohl auch nicht so schlecht.

Aber ansonsten? Not und Elend. Kein Wunder dass es zu den Bauernaufständen kam, bzw. die lutheranische Idee auf fruchtbaren
Boden viel. Klerus und Adel arbeiteteten Hand in Hand. Das Wissen blieb in der Hand der Kirche, die Religion wurde als Mittel zum Zweck genutzt.
Kunst und Kultur und vor allem aber Forschung und Entwicklung konnten
nur unter strenger kirchlicher Aufsicht erfolgen, ansonsten kam der Hexenhammer. Und sie dreht sich doch...

Da im Mittelalter aber auch das Wissen um die Heilkunde verschwand bzw. dann auch von der Kirche verwaltet wurde, stand man als Untergebener auch gesundheitlich schlecht dar.

Wie viele Pesttote hätten damals verhindert werden können, wenn nur schon einfache Regeln der Hygiene vermittelt worden wären?

Dann schon lieber als Mensch in der Bronzezeit. So als Kelte hatte man wohl bessere Aussichten. Zwischendurch konnte man sich mal mit den
Nachbarstämmen austoben und wenn es einem dann doch zu eng wurde einfach auswandern. z.Bsp. nach dem heutigen Great Britain.

Aber dann kamen ja irgendwann die Römer und brachten ihren Bello Gallico zu uns. Und gleichzeitig eine "Religion".

Wie anders hätte sich Europa ohne die Zwangs-Christianisierung entwickeln können. Naja, vorbei ist vorbei.

Lebensqualität heisst nicht in der Steinzeit zu leben. Aber ein Mobilfunkmast auf dem höchsten Berg der Welt sollte einen doch stutzig machen.

Die Menschen zieht es in die Berge oder ans Meer, sie folgen dem Ruf nach Abenteuer, Einsamkeit, Ruhe und anderem. Eben mal die Natur auf sich einwirken lassen. Und dann, mittendrin klingelts Handy. Muss man natürlich drangehen. Toll.

So, ich werd noch ein bisschen Fernsehen gucken. (Gar nicht so einfach bei inzwischen 600 Programmen, bis man da was passendes gefunden hat...echt stressig)

Ciao

Axel
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von Mischa
#15473
[quote="Legendenkiller]Die Kosten einer solchen "Harmonie" sind allerdings eine sehr langsame technologische und kulturelle Entwicklung. [/quote]

Hi,

interessantes Thema !

Zuerst mal zur technologischen Entwicklung: Eine neue Technologie entwickelt sich zuerst langsam, weil niemand sich dafür interessiert, dann schnell, wenn sie interessant und unausgegoren ist, und dann wieder langsam bis hin zum Stillstand, wenn sie durchentwickelt ist. Ein schönes Beispiel dafür ist manuelles Schmieden. Die Werkzeuge sind heute genau so wie bei den alten Römern, und man findet sie heute überall auf der Welt, praktisch unabhängig vom Kulturraum. Die Technologie ist einfach durch Jahrtausende zur Perfektion entwickelt worden.

Eine neue Technologie wird nur angenommen, wenn sich jemand dafür interessiert. Man hat mehrere tausend Jahre alte mesopotamische Batterien gefunden, aber damals war Strom offenbar so uninteressant, dass man die Spielerei wieder vergessen hat.

Eine harmonische, ausgeglichene Gesellschaft hat nun aber sinnvollerweise kein Interesse an Neuerungen und Änderungen. Wenn sie (nach EIGENER Beurteilung) schon perfekt ist, kann jede Veränderung ja nur eine Verschlechterung sein. Technologische Entwicklung findet also nicht statt, oder nur seeeeeehr langsam. Aber das kann man nicht als "Preis für das harmonische Leben" bezeichnen, weil ein "Preis" ja das Weggeben von etwas als wertvoll empfundenem ist. Wenn Entwicklung aber nicht als wertvoll angesehen wird, ist der Verzicht darauf auch kein Preis.

"Kulturelle Entwicklung" ist da schon schwieriger zu beurteilen. Solange man nicht von "Verbesserung" oder "kulturellem Fortschritt" spricht, geht es ja noch. Da kann man sich die goldene Brücke bauen, dass "Entwicklung" gleich Veränderung ist. Eine harmonische, ausgeglichene Gesellschaft ohne Interesse an Veränderung hat halt auch kein Interesse an kultureller Veränderung - so dass man auch hier sagen kann, dass der Verzicht auf kulturelle Entwicklung kein Preis ist, der gezahlt werden muss. Spricht man darüber hinaus aber noch von "kulturellem Fortschritt", dann wird das Eis sehr dünn, weil das, was "bessere Kultur" ist, seeeehr unterschiedlich beurteilt wird. Ein mittelalterlicher Scholastiker würde die heutige Zeit mit Entsetzen sehen und das 15. Jahrhundert als Höhepunkt europäischer Kultur definieren. Ein Aufklärer des 18. Jahrhunderts würde das ganz anders sehen - er wäre wohl recht zufrieden mit dem, was er sieht. Ein Calvinist des 17. Jahrhunderts wäre entsetzt über die verlotterte Moral unserer Zeit und würde wohl das 18. Jahrhundert als kulturellen Höhepunkt betrachten. Und ein attischer Philosoph des 6. vorchristlichen Jahrhunderts würde das moralische Niveau normal und das technologische bewundernswert finden, so dass er wohl unsere Zeit als kulturell höchststehend ansehen würde....

Wenn unsere heutige Zeit so sehr auf Fortschritt, auf Veränderung fixiert ist, könnte man im Umkehrschluss aus obigen Betrachtungen vielleicht folgern, dass wir eben nicht zufrieden mit unserer Lebensweise sind? Und wenn Zufriedenheit eine Voraussetzung für Glück ist, Unzufriedenheit aber Triebfeder unserer Zivilisation ist, ist es dann nicht prinzipiell ausgeschlossen, durch unsere Lebensweise glücklich zu werden?

Ich wünsche mir atembare Luft, trinkbares Wasser, genug gutes Essen, dazu auch mal inhaltsreichere Getränke, immer die passende Kleidung und eine kleine Wohnung, in der man mal für sich sein kann und die man im Winter warm kriegt. Das kann ich leicht kriegen - das bietet mir unsere Zivilisation und Lebensweise mit deutlich größerer Sicherheit als die meisten anderen Kulturen und Zivilisationen der Geschichte und der Kontinente. Ich wünsche mir "Muße", also genügend Zeit und Kraftreserven, um außerhalb des Erwerbslebens regelmäßig das Leben erden zu können. Das wird schon ein Problem, durch die systemimmanente Hetzerei unserer Zivilisation. Ich wünsche mir die Sicherheit, mein Leben in meiner geliebten Heimat verbringen zu können. Da hat unsere mobile und flexible Gesellschaft aber schon überhaupt kein Verständnis mehr dafür....

Glück oder Unglück, Zufriedenheit oder Unzufriedenheit, das wird natürlich auch durch materielle Gegebenheiten bedingt. Wer hungert, friert, kein Bett zum schlafen hat, kann nicht glücklich sein. Wenn die elementaren Bedürfnisse aber befriedigt sind, schlägt die Stunde der inneren Einstellung. Sowohl beim Individuum, als auch bei einer Gesellschaft und einer kompletten Zivilisation. Ich behaupte: Durch die innere Unzufriedenheit, die uns zur gewaltigsten technischen Zivilisation der Geschichte gemacht hat, ist es uns gleichzeitig unmöglich, kollektiv glücklich zu werden. Und durch die stetige weitere Suche nach Glück gehen wir weiter und weiter und weiter in unserem Fortschritt, solange wir Rohstoffe und Energie und Ideen haben - aber kollektives Glück finden werden wir nicht. Solange, bis wir mit Hilfe der Geisteswissenschaften eine innere Einstellung der Zufriedenheit gefunden haben werden. Bis es soweit ist, kann praktisch alles passieren: vom Terraforming bis zum "Rückschritt" ans Lagerfeuer.

Gruß

Mischa
Benutzeravatar
von Kristall
#15494
Hi Mischa

Schöner Gedankengang. Ich habe dazu ein paar Anmerkungen.

Du schreibst: „...Man hat mehrere tausend Jahre alte mesopotamische
Batterien gefunden...“

Ein Freund hat mir gerade ein Buch empfohlen, in dem beschrieben steht,
wie sie vor tausenden von Jahren in Südamerika schon Kenntnisse der DNS
hatten und von ihrer Bedeutung wussten. Man hat auch schon tausende
Jahre alte Schädel entdeckt, die Hinweise auf Gehirnchirurgie aufwiesen.
Das Geheimnis um die Pyramiden liegt ebenso im Dunkeln und es gibt bis
heute keine Erklärung, wie eine derartige Präzision zur damaligen Zeit
zustande kam. Im Lichte dieser Funde erscheint unsere „einmalige“
technische Zivilisation heute gar nicht mehr so einmalig. Vielmehr erscheint
sie wie das, was es schon immer (seit Menschen denken) gab, nur
wahnsinnig aufgebläht - durch fossile Energieträger. Wer vor tausenden von
Jahren Gehirnchirurgie betrieb und Batterien herstellte, wäre auch in der
Lage gewesen, zum Mond zu fliegen, wenn er die notwändige Energie
gehabt hätte.

Was die Kultur angeht, da hatte ich schonmal einen Beitrag (hier)
über das Misverständnis geschrieben dem wir aufliegen, wenn wir meinen,
dass die derzeitige Zivilisation Kultur schafft. Ich hatte dort vom Untergang
gesprochen, der schon hinter uns liegt (oder in dem wir uns gerade
befinden) und ich glaube, jeder große Denker früherer kulturschaffender
Zeiten würde mir da zustimmen. Ich war mal mit der Klasse in Pompei und
da haben wir eine Führung mitgemacht. Ich erinnere mich noch, wie wir
(Geschichtslehrer inklusive) andächtig, mit den Händen auf dem Rücken
verschränkt, im damaligen öffentlichen Klo standen, staunend auf den
steinernen Klodeckeln Platz nahmen und in den Schlund hinabschauten, in
dem sich anno dazumal die Sch... türmte. Ich meine, wie verzweifelt muss
man sein?

Oder nimm nur die großen Anstrengungen, die nun unternommen werden,
um aussterbende Sprachen in Wörterbüchern und Grammatiken zu
archivieren. So wie die letzten Samen aussterbender Pflanzen. Wir sind da
in einer Logik, die keine Zukunft zulässt. Wohin soll uns dieser Weg führen?
Was ist das Ziel? Wozu brauchen wir mehr Energie? Du hast recht, eine
Gesellschaft, die sich durch zwanghaften Wechsel definiert, kann nur
verzweifelt sein. Ich habe von afrikanischen Stämmen gelesen, die kein
Wort hatten für Entwicklung. Sie haben das Wort übersetzt mit „Die
seltsamen Ideen des weißen Mannes“. Bei anderen Stämmen liegt die
Zukunft hinter einem, da man sie ja nicht kennt und nicht sieht, während
die Vergangenheit klar vor einem liegt. Welche Logik hat da das Wort
„Fortschritt“? Fortschritt stand bei vielen Völkern unter Strafe. Was müssen
die glücklich gewesen sein!

Du schreibst: „Und wenn Zufriedenheit eine Voraussetzung für Glück ist,
Unzufriedenheit aber Triebfeder unserer Zivilisation ist, ist es dann nicht
prinzipiell ausgeschlossen, durch unsere Lebensweise glücklich zu werden?“

Und wenn Energie die Triebfeder ist für unser Dilemma, warum um alles in
der Welt sollten wir versuchen, diesen Zustand beizubehalten?

Du schreibst, dass es leicht ist, saubere Kleidung zu bekommen, atembare
Luft und sauberes Wasser. Du vergisst, dass an jedem Deiner Hemden und
Hosen das Blut klebt der Menschen, die für Hungerlöhne 12 Stunden täglich
arbeiten, egal wieviel Energie uns jemals zur Verfügung steht (besonders
schwarze Kleidung ist sehr grausam, da die schwarze Farbe ziemlich ätzt).
Unsere Gesellschaft bietet nicht jedem sauberes Wasser und Kleidung!
Wenn es die Armut nicht gäbe, man müsste sie erfinden! Würden wir selbst
all diese Gegenstände herstellen (übrigens auch Möbel), mit einem
deutschen Lohn und Umweltabgaben, etc..., ein Hemd würde vierhundert
Euro kosten und das System wäre morgen am Ende

-Kristall
Benutzeravatar
von Axel F.
#15559
Hi Kristall,

"Du vergisst, dass an jedem Deiner Hemden und
Hosen das Blut klebt der Menschen, die für Hungerlöhne 12 Stunden täglich arbeiten, egal wieviel Energie uns jemals zur Verfügung steht (besonders schwarze Kleidung ist sehr grausam, da die schwarze Farbe ziemlich ätzt). "

Sorry, wenn ich Dein Bild von den Kinderarbeitern in Indonesien da
mal etwas unterwandern muss. Gerade die Exporteure wie China u.a. haben in Hochtechnologie investiert, wo eben nicht mehr hunderte
von mittellosen ausgebeutet werden. Du wirst in den Webereien und
Nähereien hauptsächlich Maschinen finden und gut ausgebildete Leute.

Klar bekommen die Leute wenig. (150 - 300 EUR/Monat?) Das ist dann aber für´die dortigen Verhältnisse wieder recht viel.

Klar, wenn es um Billigware geht, dann gehts nur mit Ausbeutung. siehe z.Bsp. der T'Shirt Bereich (Wühltischware) Da gibt es im Osten so eine Art vietnamesischer Mafia, die hier z.Bsp. Erlöse aus dem Zigarettenschmuggel über den Umweg Textil reinwaschen.

Oder komplett eingerichtete Schiffe, auf denen hunderte von Chinesen ausserhalb der Hoheitsgewässer arbeiten dürfen...

Die Regel ist jedoch Hochtechnologie. Gerade im Bereich Gewebe/Gewirke.

"ein Hemd würde vierhundert
Euro kosten und das System wäre morgen am Ende"

Sämtliche Teile für ein Herrenhemd werden maschinell zugeschnitten, für den Kragen gibt es entsprechende Automaten. die Teile müssen dann
nur noch zusammengenäht werden und fertig. Der Anteil menschlicher Arbeitskraft (und damit der Anteil der Ausbeutung) ist echt gering.
Es geht sogar fast ohne Leute.

Nur es geht eben nicht ohne Energie.

(besonders schwarze Kleidung ist sehr grausam, da die schwarze Farbe ziemlich ätzt).

Muss man ja nicht seinen Finger reinhalten, oder?

Aber wie gesagt, da laufen kilometerweise Stoffbahnen durchs Färbebad. Computergesteuert.

Mag bei den handgefertigten Batikstoffen für Ökotaliban aus Indien anders aussehen.

Grüße

Axel
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Welche Kompetenzen brauchen wir?