Werden Kriege um Ressourcen geführt - welche Konfliktherde beobachtest Du?

Moderatoren: RThorsten, marc

von Wolfram
#84135
Hallo allerseits,

ich finde, dass es bereits heute genügend handfeste Gründe gibt, den Energieverbrauch deutlich zu reduzieren, noch bevor uns hohe Preise oder Engpässe dazu zwingen. Ich habe hier mal die wichtigsten gesammelt. Sie in eine Reihenfolge zu bringen, ist nicht ganz leicht, weil man sie gewissermaßen gegeneinander ausspielt. Ich hab's trotzdem versucht, sie absteigend nach Wichtigkeit zu sortieren. Besonders wichtig sind mir die Punkte 1 - 4, weil es die aus meiner Sicht besonders lebensfeindlichen Gefahren sind.

1. Gefahr von Kriegen um Öl / Energie
2. Gefahren der Kernenergie
3. Gefahr einer negativen Einstellung gegenüber den Menschen
4. Gefahr der Abholzung von Wäldern und Bodenzerstörung

5. Klimawandel und andere Umweltschäden durch die fossilen Energieträger
6. Politische Abhängigkeit vermeiden
7. Vorbild-Wirkung für andere
8. Tut sowieso gut (ist gesünder) - Fehlentwicklungen korrigieren
9. Nicht mit Provisorien aufhalten - lieber gleich Nägel mit Köpfen machen
10. Vorbereitet sein auf den Rückgang des Angebotes
11. Bodenschätze für nachfolgende Generationen übrig lassen
12. Spart Geld

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ausführlicher:


1. Gefahr von Kriegen um Öl / Energie

Wenn Öl knapper wird, aber niemand bereit ist, mit weniger auszukommen, kann Krieg die Folge sein.
Franz Alt nannte ein Buch "Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne". Man mag es kaum wirklich für bare Münze nehmen, dass der "zivilisierte Mensch" nochmal auf so primitives Verhalten zurück fallen würde, dass er Krieg um verbliebene Energierohstoffe oder Transportwege führt. Primitiv zum Einen, weil es den üblichen Gedanken von Recht und Anstand widerspricht - zum Anderen weil jedem klar sein muss, dass ein Gerangel um zuende gehende Vorräte nichts bringt. Leider wurden wir spätestens durch den Irakkrieg eines Schlechteren belehrt.

Es besteht die Gefahr weiterer Kriege um Energievorkommen. Man weiß nie, wie weit sich ein Krieg ausbreitet - zu einem Weltkrieg? - mit Einsatz von Atombomben und weiterer atomarer Verseuchung der Erdoberfläche? Das letzte Jahrhundert sollte Warnung genug sein. Indem man bei sich (persönlich, als Familie, als Gemeinde, als Firma, als Land) den Energieverbrauch verringert, nimmt man Kriegen um Energie ein Stück den Wind aus den Segeln.
Das Argument gilt besonders für Öl, aber auch Erdgas, evtl. Uran ...
Mit einsortieren könnte man hier vielleicht Schäden, die durch die Rüstungsanstrengungen verursacht werden, und Schäden die durch Krieg angerichtet werden (Umweltschutz wird mit Füßen getreten, Energie wird vergeudet, Menschen werden in ihrem Wesen beschädigt und können eine negative Einstellung bekommen u.ä.).


2. Gefahren der Kernenergie

Man könnte versucht sein, Kernenergie als saubere Energieform zu sehen, aber es gibt gleich drei Haupt-Nachteile, von denen schon jeder einzelne Grund genug sein sollte, lieber heute als morgen ganz darauf zu verzichten.
  1. Die Gau-Gefahr
    Ständig leben wir unter dem Damoklesschwert, dass uns eines unserer Kernkraftwerke "um die Ohren fliegt" und große Teile unseres Landes verseucht. Das könnte auch keine Versicherung ungeschehen machen (siehe Transparent Wir haben keine 2. Welt auf der Bank, gesehen auf der Anti-Atom-Demo am 18.9.2010 in Berlin, auf den Stufen des Reichstags). Tschernobyl ist zu trauriger Berühmtheit gelangt und hat sich auf viele Länder ausgewirkt - selbst in den USA stiegen Todeszahlen. Die Region um Tschernobyl wird noch lange entwertet bleiben. Auch wir hatten schon einige Störfälle, die zur Katastrophe hätten werden können. Es ist nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit nur eine Frage der Zeit. Wenn es passiert ist, ist es zu spät. Dann ist unser Land verseucht. Die Befürworter der Kernenergie würden dann ganz still sein - und selbst wenn man ihrer habhaft würde, würde es nichts mehr nützen. Den Leuten würde bewusst, dass vieles, das wir mit dem Strom gemacht haben, eigentlich gar nicht so wichtig war. Auch angeblich sicherere Reaktortechniken (z.B. mit Thorium) oder auch die Kernfusion überzeugen mich nicht. Für mich sind sie ein Spiel mit dem Feuer, das der Mensch bleiben lassen soll. Auch wenn es schade um den Aufwand ist, mit dem die AKWs gebaut wurden - wir sollten sie abschalten, so lange wir noch keinen Gau haben, lieber heute als morgen.
    Siehe Plakat Mensch, sei schlau, schalt ab vorm nächsten GAU!, gesehen auf der Anti-Atom-Demo am 9. Oktober 2010 in München.
  2. Der Atommüll
    Eigentlich sollten wir nachfolgenden Generationen überhaupt keine Altlasten hinterlassen, nicht mal Glasscherben in der Erde - aber leider gibt es viel schlimmeres.
    Man hatte gedacht, Salzstöcke (Asse, Morsleben, Gorleben) wären sichere Endlager, aber - man hätte eigentlich darauf kommen können - Salz ist wasserlöslich. Salzwasser lässt die Fässer rosten und kann vermutlich auch den radioaktiven Inhalt lösen. Endlager müssten für Jahrmillionen halten. Wer hätte gedacht, dass schon zu unseren Lebzeiten die Anwohner um ihr Grundwasser fürchten müssen? (Siehe z.B. Atom-Endlager vor dem GAU ...)
    Dort wo die Mäuse auf unserem Dachboden gehaust haben, stinkt's nach Mäusepisse, aber in der Natur wäre es kein Problem. Die "Exkremente" unserer vermeintlich fortschrittlichen Gesellschaft sind unvergleichlich viel schlimmer. So gesehen sind wir die schäbigste Gesellschaft aller Zeiten!
  3. Der Normalbetrieb (wenig beachtet)
    Schon der Uranbergbau ist eine schmutzige Sache, siehe z.B. Uranbergbau - Beginn des nuklearen Alptraums. Es werden die Arbeiter krank und es wird Radioaktivität frei gesetzt - auch bei der Herstellung des Brennstoffes, beim Transport ... und beim Abriß der ausgedienten AKWs. Von einem "klinisch reinen" Umgang mit den Stoffen kann keine Rede sein. Schließlich kann "in jeder Küche beim Kuchenbacken mal etwas Backpulver daneben gehen" (wie Frau Merkel treffend anmerkte, siehe z.B. hier).
    Ende 2007 sorgte die KIKK Kinderkrebsstudie für Aufsehen (-> siehe z.B. Handelsblatt; Video: Abenteuer Wissen), nach der die Zahl der Leukämiefälle bei Kindern im Umkreis von Atomkraftwerken deutlich erhöht sei. Die Studie war sehr gründlich, nur man konnte das Ergebnis mit den gemessenen Strahlungswerten nicht erklären.

    Muss man sich darüber wirklich wundern? Wir wissen sehr wenig über Strahlungsarten. Schon um Licht zu erklären, brauchen Physiker die Vorstellung, dass es aus Teilchen bestehe und eine Welle sei ("Dualismus Welle/Teilchen", eigentlich ein Widerspruch). Radioaktivität wurde nur zufällig entdeckt, weil etwas einen Film geschwärzt hatte. Wir begnügen uns meist mit der Messung der Becquerel, also der registrierten radioaktiven Zerfälle pro Minute. Wenn's gut läuft, wird Alpha- Beta- und Gammastrahlung getrennt gemessen. Dabei kann es unterschiedlichste Arten der Gammastrahlung geben, so wie es unterschiedliche Radio- und Fernsehkanäle gibt. Zuweilen befassen sich Physiker mit weiteren Strahlungsteilchen, wie Neutronen, Quarks, Neutrinos etc., die schwer zu messen sind, aber die Hülle von Atomkraftwerken teilweise problemlos passieren. Zitat: Wegen der extrem hohen Produktionsrate von Antineutrinos in Kernreaktoren würde schon ein Detektor mit 1 m³ Detektorflüssigkeit vor dem Kernkraftwerk ausreichen. Ich denke, dass man nur einen kleinen Bruchteil dessen begreift, was man tut. Dass die Studie Effekte zeigt, die mit den üblichen Messwerten nicht zu erklären ist, wundert mich nicht.

Solche Studien ziehen einen Vergleich zwischen Krankheitsfällen z.B. in der Nähe eines Reaktors und dem Durchschnittswert. Vom Menschen frei gesetzte radioaktive Stoffe verteilen sich aber früher oder später weltweit (siehe z.B. Film Alptraum Atommüll (Teil 1/11), der voll von Beispielen ist, etwa Krypton 85 aus La Hague, siehe Teil 6 /11, Minute 4:15; oder Staub aus DU-Munition). Die Hintergrundbelastung steigt in der ganzen Biosphäre immer weiter an und hebt damit den Durchschnittswert der Erkrankungen, was natürlich von einer Studie der genannten Art gar nicht erfasst wird.

Wie viele der "normalen" heutigen Krebserkrankungen werden wohl ihre Ursache in vom Menschen frei gesetzter Radioaktivität haben?
Wie viele Menschen werden wegen unserer Atomwirtschaft, von der nur wir einen (fragwürdigen) Nutzen hatten, hochgerechnet in den nächsten 1000 000 Jahren Leukämie bekommen? (oder anderen Krebs, Erkrankungen des Verdaungstraktes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Immundefekte, Gendefekte, Missbildungen ...)? Für jeden von uns einer? Für jeden Jahresstromverbrauch von uns einer? Für jede verbrauchte kWh einer? Für jedes Mal Kaffe kochen einer?

Wenn jemand Leukämie hat, gilt es als selbstverständlich, dass man versucht, ihm zu helfen. Es wird zu Knochenmarkspenden aufgerufen usw. Sollte es nicht mindestens ganauso selbstverständlich sein, eine Ursache von noch mehr Leukämieerkrankungen in der Zukunft sofort abzustellen?

Die Kernenergie wird neuerdings als "Brückentechnologie" bezeichnet, die man noch vorübergehend brauche, bis die Erneuerbaren Energien so weit seien. Bildlich: Wenn man erkannt hat, dass ein Pilzgericht vergiftet ist, würde man es dann trotzdem essen, so lang bis man etwas besseres hat? Nein!, man würde sofort alle warnen, nichts mehr davon zu essen (siehe mein Plakat Brückentechnologie ??? ... am 18.9.2010 in Berlin).

Das Argument betrifft die Kernenergie und damit Strom, aber auch durch den Verbrauch anderer Energieträger trägt man dazu bei, dass mehr auf Kernenergie gesetzt wird, und es schwieriger wird, darauf zu verzichten.


3. Gefahr einer negativen Einstellung gegenüber den Menschen

Manchmal erzähle ich jemand: "Ich habe es fast täglich mit Leuten zu tun, die behaupten, es gäbe zu viele Menschen. Vor allem im Peak-Oil-Forum im Internet ist das fast täglich zu lesen." Schlechtes Verhalten eines Teils der Menschen fällt leider auf "die Menschen" zurück. Immer wieder, besonders in Zusammenhang mit Umweltschäden oder knapper werdender Energie ist von "Überbevölkerung" die Rede und ich finde das sehr ärgerlich. Biologisch gesehen sind die Menschen nicht besonders viele. Wir bringen wohl kaum mehr Gewicht auf die Waage als alle Ameisen oder Mäuse. Es mangelt weder an der Luft zum atmen, noch am Platz, sich aufzuhalten. Warum unterscheidet man nicht die verschiedenen Aspekte des Menschen und kritisiert nur die, welche ein Problem darstellen? Wenn es viele Banküberfälle gibt, schließt man doch auch nicht auf zu viele Menschen, sondern verhaftet die Bankräuber.

Wahrscheinlich ist es vor allem Gedankenlosigkeit. Merken Diejenigen nicht, dass sie damit ihr eigenes Lebensrecht in Frage stellen? Wenn es nach solchen Leuten gegangen wäre, wäre ich vielleicht gar nicht geboren. Ich lebe aber gerne. Ich liebe das Leben. Mein Leben ist das größte Geschenk, das ich je bekam, denn ohne es wären alle anderen Geschenke zusammen wertlos. Ich mag die Menschen, trotz allem Blödsinn, den sie leider oft machen und sagen ... Sie machen das Leben bunt und lebenswert. Ich möchte nicht, dass irgendwer der Behauptung von der "Überbevölkerung" zum Opfer fällt - ich bin es ja auch nicht - oder dass sich deswegen eine Frau nicht traut, ein Kind zu bekommen.
Ich bin mit der Schlussfolgerung: Energie wird knapper, also gibt es zu viele Menschen absolut nicht einverstanden. Ausführlicher habe ich es in meinem Beitrag Die Menschen an sich sind nicht das Problem ... geschrieben.

Wenn es sein muss, lebe ich lieber ganz ohne Heizung, ohne Strom ... und nur so lang, wie ich von Natur aus lebe (ohne medizinische Versorgung), als überhaupt nicht gelebt zu haben. Das Leben ist auch mit sehr viel weniger technischer Energie noch lebenswert. Den Beweis anzutreten, ist für mich heute schon ein wichtiges Argument, deutlich Energie zu sparen.

Das Argument betrifft alle handelsüblichen Energieformen und alle anderen Argumente hier.
Mit einsortieren könnte man alle Tendenzen, in Mitmenschen hauptsächlich Konkurrenten um Energie und "Wohlstand" zu sehen (Ängste, Mobbing, Suchen von Sündenböcken, Fremdenhaß, Madmax-Szenarien ...). Das Argument ist also verwandt mit Punkt 1, nur in kleinerem Rahmen.


4. Gefahr der Abholzung von Wäldern und Bodenzerstörung

Von den Schattenseiten der Erneuerbaren Energien ist eine besonders gravierend:
Es besteht die Gefahr, dass immer mehr Wald auf der Welt abgeholzt wird, sei es um das Holz für Energiezwecke zu verwenden oder um Flächen für den Anbau von Energiepflanzen zu gewinnen. Die Abnahme der Regenwälder ist bekannt, aber auch bei uns könnte die Waldfläche (trotz aller Gesetze) schleichend abnehmen.
An die Stelle des Waldes tritt dann häufig die heute übliche Landwirtschaft mit Pflug und nackter Erde -> Humusabbau. Allein durch diese verfehlte Behandlung der Böden rund um den Erdball wurde laut Klimaveränderung durch Humusabbau etwa genauso viel CO2 frei gesetzt, wie aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas zusammen. Damit allein würde die "moderne Landwirtschaft" schon die Hälfte des durch CO2 bedingten Treibhauseffektes verursachen. Dazu kommt das CO2 aus den abgeholzten Wäldern. Welchen Einfluß CO2 auf das Klima hat, kann ich nicht beurteilen - da muß ich mehr oder weniger das glauben, was die Experten sagen.

Einen anderen Einfluss auf das Klima kenne ich dagegen aus eigener Anschauung, nämlich den Wasserhaushalt. An Wasserflächen ist das Klima milder (Bodensee, Inseln, maritimes Klima). Weit davon entfernt ist es rauher (kontinentales Klima, z.B. Rußland). Am extremsten ist das Klima dort wo auch noch der Pflanzenbewuchs und der Humus fehlt, in Wüsten (sengende Hitze am Tag, teils Frost in der Nacht, Sandstürme, Dürre und manchmal gefährliche Uberschwemmungen).
Ähnlich den Wasserflächen kann an Land Wald für mildes Klima sorgen. Humusreicher Boden kann viel Wasser speichern und die Bäume können es über ihre große Oberfläche am Tag verdunsten lassen (Kühlung durch Verdunstungskälte) und in der Nacht kondensieren lassen (Tau, Kondensationswärme). Siehe z.B. Stable Climates.

Weniger Wald (und anderer üppiger Pflanzenbewuchs) auf der Erde bedeutet extremeres Klima. Dabei reichen die Wirkungen ziemlich weit. Man denke an Hurricanes, die in Afrika entstehen, in der Karibik ihr Unwesen treiben und später noch als Tiefdruckgebiete nach Europa kommen. Das extremere Klima kann wiederum Rückkopplungen verursachen (in obigem Artikel "Anspringreaktionen" genannt). So kann es z.B. mehr Waldbrände geben, wodurch die Waldfläche weiter zurück geht und weitere Böden geschädigt werden (z.B. Torfbrände in Rußland in diesem Sommer) ... Im schlimmsten Fall ist die Gefahr keine geringere, als dass sich die Erde zu einem Wüstenplaneten entwickelt, mit lebensfeindlichen Bedingungen wie auf den anderen Planeten unseres Sonnensystems.

Wenn die Menschen nicht lernen, mit weniger Energie auszukommen, besteht die Gefahr, dass sie blindlings ihre eigene Lebensgrundlage weiter zerstören.
Das Argument betrifft Biomassenutzung, die über das nachhaltige Maß hinaus geht, aber auch wer konventionelle Energie einspart, verringert die Notwendigkeit, Biomasse übertrieben zu nutzen.

Mit einsortieren könnte man andere Nachteile der erneuerbaren Energien, wenn man's übertreibt.
- Eine große Nachfrage nach Biomasse kann auch auf Kosten der einheimischen Bevölkerung gehen (z.B. Vertreibung von Kleinbauern)
- Wenn wir alle Wasserkraft nutzen wollen, haben wir kaum noch natürliche Bäche und Flüsse.
- Ein Übermaß an Windkraftanlagen ist nicht so schön (und wegen des stark schwankenden Angebotes nicht optimal).
- Geothermie kann auch Nachteile haben.
- Bei einer übergroßen Nutzung der Solartechnik ist der langfristige Recyclingaufwand hoch (je höher, desto geringer die Lebensdauer ist) -> Energiebedarf für Transport und Ersatz.


5. Klimawandel und andere Umweltschäden durch die fossilen Energieträger

Es wird viel diskutiert, welche Wirkung das freigesetzte CO2 auf unser Klima haben wird. Ich bezweifle zwar, dass man es genau vorhersagen kann, weil man vielleicht irgendeinen bedeutenden Effekt übersieht. Es könnte also weniger schlimm oder schlimmer kommen, als berechnet. Da wir aber das Experiment Freisetzung riesiger Mengen CO2 nicht schnell genug ungeschehen machen können, sollten wir es dringend (zumindest) verlangsamen. Die Verknappung von Erdöl und Erdgas könnte jedoch leicht zu einem vermehrten Einsatz von CO2-intensiven Energieträgern führen.
Ein großer Teil des Themas Klimawandel steckt aber im Punkt 4.
Das Argument betrifft vor allem Kohle, Öl aus Ölsand und Ölschiefer, aber auch Öl und Erdgas.
Mit einsortieren könnte man andere Nachteile der Kohle, z.B. die Freisetzung von Schadstoffen (Quecksilber, Schwefel) die Beeinträchtigung durch den Tagebau oder die Senkung des Geländes durch den Bergbau (ewiges Pumpen nötig oder es entstehen Seen, wo bisher viele Menschen wohnen) - sowie andere Schattenseiten des Erdöls (neben Krieg um Öl -> Punkt 1), wie Tankerunfälle, das ausströmende Öl im Golf von Mexiko (Deepwater Horizon), Umweltschäden durch Ölgewinnung aus Ölsand in Kanada ...


6. Politische Abhängigkeit vermeiden

Am schnellsten zu erklären ist es am Beispiel Erdgas aus Russland. Beim letzten Gasstreit sind reihenweise wichtige Leute aus der EU dort vorstellig geworden, um um die Wiederaufnahme der Gaslieferung zu betteln. Wie weit würden wir gehen? (... am Ende versprach die Müllerstochter dem Rumpelstielzchen ihr erstes Kind) Werden wir hier alles verkaufen, nur um weiterhin Erdgas zu bekommen? Danach würde das Gas trotzdem bald versiegen, aber wir könnten schon mal anfangen, russisch zu lernen, damit wir verstehen, was dann bei uns im Radio kommt ...
Das gilt sicher auch für andere Länder, von denen wir abhängig sind, weil sie uns Energie liefern oder die Lieferung sichern. Mir wär's lieber, wir könnten im Zweifel vorher schon darauf verzichten, statt käuflich zu sein. Nichts gegen Warenaustausch, aber zu einseitige Abhängigkeit ist ungesund. Jeder, der Energie spart, unterstützt unsere Unabhängigkeit.
(Das Argument betrifft Erdgas, Öl, evtl. Uran)


7. Vorbild-Wirkung für andere

Manche argumentieren: "Das was ich spare verbrauchen dann eben andere."
Das ist eine faule Ausrede. Mit der Einstellung käme keine Karawane mit begrenztem Wasservorrat durch die Wüste.
Jeder soll vor seiner Türe kehren. Wer es zuerst macht, nimmt anderen zumindest schon mal eine Ausrede.
Man sagt z.B., der Ölverbrauch sei unelastisch. Bei steigendem Preis ginge der Verbrauch kaum zurück. Das bedeutet, dass auch mein Mehrverbrauch kaum zu weniger Verbrauch der anderen führt. Für alles was ich nicht verbrauche muss auch nicht krampfhaft nach Ersatz gebohrt werden.

Und schließlich sollte man nicht unterschätzen, wie viel man nachgeahmt wird. Schafft man sich ein dickes Auto an, meint der Nachbar vielleicht, mithalten zu müssen. Prahlt man damit, wie viele zig Tausend Kilometer man jedes Jahr fährt, hat ein anderer vielleicht auch weniger Hemmungen dabei und findet es ein Stück normaler. Umgekehrt, wenn man sein Haus dämmt, wird sicherlich auch der eine oder andere nachdenklich ..., auch wenn man es nicht mitbekommt. Als erster in einem Ort eine Solaranlage zu installieren, das würden viele Leute scheuen (man will ja kein Außenseiter sein) - wenn schon viele eine haben, sieht die Sache ganz anders aus. Selbst zwischen Staaten ist das gegensitige Nachahmen an der Tagesordnung.
Das Verhalten der Menschen hat viel von einem Vogelschwarm. Jeder Vogel kann der Erste einer Richtungsänderung sein, nur ist es wohl den wenigsten von ihnen bewußt.

[align=center]Tue das Gute vor dich hin und bekümmere dich nicht, was daraus werden wird.
Matthias Claudius (1740 - 1815)
[/align]


8. Tut sowieso gut (ist gesünder) - Fehlentwicklungen korrigieren

Mancher meint vielleicht, etwas zu verpassen, wenn er nicht "alles mitnimmt", so lange es geht - und die eigene Trägheit bestärkt einen bisweilen darin. Man muß sich ja nicht alles versagen, aber so viel vergibt man sich meist gar nicht, wenn man auf Dinge verzichtet, die technische Energie verbrauchen.
- Wenn man sich mit Muskelkraft fort bewegt (zu Fuß, Treppe, Fahrrad), oder Arbeiten erledigt (Schaufel, Sense, Axt ...), bleibt man fit und bekommt nicht so leicht Zivilisationskrankheiten wegen Bewegungsmangel.
- Ebenso spart man sich damit meist Lärm (Besen statt Staubsauger, Rechen statt Laubsauger ...).
- Etwas roh statt erhitzt zu essen ist meist gesünder (Inaltsstoffe nicht zerstört, denaturiert oder ausgewaschen; nicht krebserregend angebrannt) und die Zähne haben mehr zu tun (gut für diese).
- Nicht überall die gleiche Temperatur zu haben (weniger heizen, keine Klimaanlage) trainiert die Temperaturregel-Funktionen des Körpers, härtet ab und man wird weniger krank.
- Auf Medikamente zu verzichten ist in vielen Fällen gesünder und gibt einem wieder Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des eigenen Körpers.
- Auf einen Flug zu verzichten erspart einem die Höhenstrahlung und vielleicht die in einem fernen Land eingefangene Krankheit.
- Viel draußen tätig zu sein, statt viel zu lesen und vor Bildschirmen zu sitzen, ist auch besser für die Augen.

- Man spart sich so manches Unfallrisiko. Zwar kann man auch von der Leiter fallen oder sich mit der Axt verletzen, aber viele Unfälle haben mit energieintensiven Dingen zu tun. Ein Beispiel: Ich kenne in der Nähe einen Bauern ganz gut. Vor einiger Zeit hatte er mit einer Motorsense gearbeitet - eine kräftige, mit der man auch Gebüsch abmähen kann. Dabei platzte von dem Stahlmesser ein Splitter ab, durchschlug das Visier von seinem Waldarbeiter-Helm (ein Gitter, das für die Arbeit mit der Motorsäge gedacht ist, und normalerweise vor Holzspänen schützen soll) und flog in sein Auge. Trotz großer Mühen der Ärzte kann er mit dem Auge nur noch hell und dunkel unterscheiden. Als wir darüber sprachen meinte ich unwillkürlich: "Dieses neumodische Zeug ..." und er entgegnete: "Ja, mit einer normalen Sense wäre das nicht passiert".
Es gibt viele Beispiele, von Verkehrsunfällen über Unfälle mit Strom (Fön in der Badewanne), mit Maschinen ... bis zu Flugzeugabstürzen.

Es wird viel über neue Energiequellen nachgedacht und sie können wohl einige der Punkte 1 - 6 und 11 entschärfen helfen. Ich glaube aber nicht, dass ich glücklich wäre, wenn man die "Super Energiequelle" finden würde. Würden nicht Fehlentwicklungen, zu denen uns die billige Energie verleitet hat, nur noch schlimmer werden?
Wenn man es genau bedenkt, sind viele Aspekte unserer unnatürlichen, auf viel Energie basierenden Lebensweise gar nicht so toll. Morgens der Wecker, oft im Stau stehen, Lärm und Abgase, alle Räume gleich warm, im Sommer vielleicht sogar mit Klimaanlage, überall hell erleuchtet, viel sitzen am Computer, Mausarm, Bewegungsmangel, zwischendurch Kaffee damit man wach bleibt trotz der unnatürlichen Tätigkeit, die Kinder irgendwo geparkt - Manche sehen sie nur am Wochenende, abends wieder im Stau, kurz im Supermarkt vorbei schauen - keiner erntet die Äpfel zuhause am Baum, später Fernsehen mit Chips ... irgendwann in Urlaub fliegen, damit man mal raus kommt aus dem Trott. Sich was leisten für sein Geld - man gönnt sich ja sonst nichts (!).
Wer die Möglichkeit hat, sollte lieber weniger Geld verdienen und dafür mehr Zeit haben, Dinge selbst zu machen (dann braucht er weniger Geld): Eigenes Obst, Gemüse und Nüsse anbauen, eigenes Brennholz sägen, kaputte Schuhe wieder nähen, sich Zeit für die Kinder nehmen und sie mitmachen lassen (lehrreich). Kalt duschen ist erfrischend - besonders schön ist's bei Regen unter der Dachrinne! Möglichst mit dem Rad fahren - mit etwas Übung geht es auch im Winter. Auch zufuß gehen hat etwas Erholsames. Schlafen wenn es dunkel ist, wenn möglich ohne Wecker. Die Tiere schlafen wenn sie müde sind - selbst dieses bescheidene Bedürfnis gönnt sich der "fortschrittliche" Mesch oft nicht in seiner selbst gewählten Tretmühle.
Ein natürlicheres Leben kann auf vielfältige Weise Energie sparen und zugleich schöner sein.


9. Nicht mit Provisorien aufhalten - lieber gleich Nägel mit Köpfen machen

Es ist doch irgendwie nicht ganz normal, zu glauben, man könne nur gut leben, wenn ständig Berge an Kohle verfeuert werden und andere endliche Ressourcen - und sehr viel Zukunft hat es auch nicht. Warum sollten wir uns weiter mit Provisorien abgeben? Das haben wir lange genug gemacht. Mir wär's am liebesten, wenn wir nicht von einem Fettnäpfchen (z.B. Ölabhängigkeit) ins nächste umsteigen (Punkte 2 - 6), sondern alle Probleme gleichzeitig verringern.
- Sollen doch andere sich um die letzten Reste prügeln (nein, sollen sie nicht!).
- Sollen doch andere ihr Land mit Atomwirtschaft verseuchen (nein, sollen sie nicht! - nicht nur, weil es auch uns betrifft).
- Sollen doch andere wie wild Löcher bohren, dafür eine Menge Geld ausgeben und kaum noch etwas finden.
- Sollen doch andere teure Pipelines bauen, die vielleicht nie wirtschaftlich sein werden, jedenfalls auch wieder nur ein Provisorium sind.
- Sollen doch andere LNG-Terminals bauen, auch wenn kaum so viele beliefert werden können, wie sich das erhoffen.
- Sollen doch andere mit ihren Kohle-Schiffen vor Australischen Häfen Schlange stehen.
- Sollen doch andere den Lieferländern schmeicheln, sich von ihnen abhängig machen und immer mehr bezahlen.
Lieber möglichst gleich die Kräfte ganz für Energiequellen verwenden, die kein Provisorium sind, sprich die erneuerbaren, und die mit Augenmaß.
Es ist möglich, den Ausstieg aus mehreren endlichen Energien gleichzeitig zu stemmen, aber dafür wird man schon deutlich mehr sparen müssen, als bisher.


10. Vorbereitet sein auf den Rückgang des Angebotes

Wer schon mal übt, mit weniger auszukommen, dem fällt es dann leichter. Freiwillig ist es angenehmer als unter Zwang. Man behält das Heft des Handelns in der Hand. Besser man befasst sich mit der Realität, bevor sich die Realität mit einem befasst. Ideal wäre es natürlich, wenn der freiwillige Rückgang der Nachfrage schneller wäre als der Rückgang des Angebotes. Dann würde trotz zurückgehendem Angebot keine Knappheit entstehen und die Preise könnten niedrig bleiben. So ideal wird es wahrscheinlich nicht kommen - dafür ist Willensstärke zu wenig verbreitet - aber jede Einsparung ist ein kleiner Schritt in diese Richtung.


11. Bodenschätze für nachfolgende Generationen übrig lassen

Nachfolgende Generationen werden kaum verstehen können, wie wir so große Mengen Erdöl und andere Rohstoffe in solch atemberaubendem Tempo verschwenden konnten. Am Anfang steht oft eine ziemlich sinnvolle Anwendung ... und am Ende ist man weit über's Ziel hinaus geschossen.
- Papier ist eine praktische Erfindung, z.B. für Bücher, die man in Ehren hält - heute haben wir jede Woche einen ganzen Berg Altpapier.
- Edison erfand die Glühlampe, um genug Licht für eine Operation zu haben - heute sprechen wir schon von Lichtverschmutzung.
- Ein Regenmantel aus Kunststoff ist ganz praktisch - heute werden je Erdenbürger jährlich 300 Plastiktüten hergestellt, die er im Schnitt 12 Minuten benutzt.
Spätere Generationen hätten vielleicht auch gern ein paar der sinnvollen Dinge aus den Rohstoffen.
(Das Argument gilt vor allem für Erdöl, aber auch für Erdgas und andere Bodenschätze. Es liegt aber weit abgeschlagen auf dem vorletzten Platz, weil das Erdöl wahrscheinlich nicht so unentbehrlich ist, sondern auf lange Sicht sowieso durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt wird.)


12. Spart Geld

Eigentlich wollte ich diesen banalen Grund - der für Leute mit wenig Energiebewusstsein vielleicht der einzige ist - gar nicht bringen, aber damit das Dutzend voll wird ...
Insider werden vielleicht sagen, dass man so gar nicht Energie sparen kann. Wer auf manche Fahrt mit dem Auto verzichtet oder immer brav das Licht ausschaltet ... der wird das gesparte Geld schließlich für etwas anderes verwenden, das ebenfalls Energieverbrauch bedeutet, vielleicht ein Urlaubsreise. Nun, es stimmt natürlich nicht, dass man deswegen insgesamt nicht Energie Sparen könne, quasi zum Verbrauch verdammt sei. Des Rätsels Lösung: Man kann in Zukunft einfach weniger Geld verdienen. Oder man kann das gesparte Geld in etwas investieren, das es einem ermöglicht, in Zukunft mit weniger Energie und weniger Geld auszukommen. Man schlägt dabei zwei Fliegen mit einer Klappe, denn beim Geld sind meist das Verdienen und das Ausgeben mit Energieverbrauch verbunden.


Wie gesagt, das sind meine wichtigsten Argumente. Sie nach Priorität zu sortieren ist nicht einfach: Ist es mir "lieber", einen GAU bei uns zu riskieren oder den nächsten Krieg um Öl? Intuitiv habe ich beim Strom das schlechteste Gewissen, vielleicht weil die Nachteile der Kernenergie "sicher" sind, während man bezüglich weiteren Kriegen um Öl und Gas noch hoffen kann, dass sie nicht kommen. Trotzdem habe ich den Punkt Gefahr von Kriegen um Energie an die erste Stelle gesetzt. Aber, statt zu fragen welches Übel uns "lieber" ist, oder statt dem einen das andere zu bekommen, sollten wir lieber unseren Verbrauch so stark senken, dass wir mehrere gleichzeitig abwenden können. Das sollte nicht so schwer sein, denn wir sind auf einem hohen Niveau an Verschwendung.

Anderen fallen vielleicht noch weitere Argumente ein und sie würden die Reihenfolge vielleicht anders wählen.


Viel Spaß beim Energie-Sparen (es kann wirklich Spaß machen!), Wolfram
von GKM
#84147
Hallo Wolfram,

sehr schöner Post, du sprichst mir aus der Seele.
Du wünscht dir aber nicht weniger als eine Kulturrevolution,
und das wird nicht einfach werden, obwohl jeder einzelne
Punkt so "einfach" einzuhalten ist

Gruß GKM
#84148
Hallo GKM,

danke für's Lob.
Das Schöne ist, dass man die Kulturrevolution schrittweise angehen kann.
Wer möchte, kann sofort anfangen. Andere werden ihm vielleicht früher oder später folgen.
Es sollte keine plötzlich übergestülpte, sondern eine gewachsene Veränderung werden.

Ein Beispiel: Damit mehr Leute eigene Lebensmittel anbauen können, wäre es wünschenswert, dass mehr Leute die Möglichkeit haben. Wenn Arbeitsplätze in Industrie, Verwaltung etc. weniger werden, braucht der Staat dann die Leute nicht per Hartz 4 zu "ernähren" (das kann er gar nicht in beliebigem Maß), sondern sie können sich zunehmend selbst ernähren.
Ich bin aber deswegen nicht dafür, massenweise Leute mit viel Grund zu enteignen und darauf Städter anzusiedeln, die das vielleicht auch nicht wollen. Das gäbe Ärger auf beiden Seiten und gewonnen wäre vielleicht nicht viel. Es muß sanftere Möglichkeiten geben. Vorläufig wäre schon etwas gewonnen, wenn die Landflucht gebremst würde. Deswegen mache ich hier Reklame dafür.

Das Stichwort "gewachsen" passt auch im wahrsten Sinn des Wortes. Ich arbeite zur Zeit daran, unseren Garten in einen "essbaren Garten" umzuwandeln. Außer den bisherigen Gemüsebeeten sollen auch Hecken und Bäume durch essbare Arten ersetzt werden (Esskastanien, Haselnüsse, Walnüsse, Obst, Beeren ...). Das geht aber nicht alles auf einmal - sowohl vom Arbeitsaufwand her, als auch weil ich keinen Kahlschlag möchte, sondern eine schrittweise Veränderung. Wir können nicht in ganz Deutschland alle Bäume fällen und durch essbare ersetzen (Wohin mit dem Holz? Woher die neuen Bäume nehmen? Wie sähe das aus? Was würde den Wind bremsen? ... Wo würden die Eichhörnchen so lang leben?). (Und natürlich soll es eine Vielfalt bleiben.)

Zum Thema zunehmende Selbstversorgung mit Lebensmitteln schreibe ich, wenn ich Zeit habe, an anderer Stelle mehr. Hier sollte es nur als Beispiel dafür dienen, dass manche Dinge eine schrittweise Änderung brauchen.

Andere Dinge kann man dagegen sofort ändern. Wenn der Stromverbrauch von heute auf morgen z.B. um 20% sinken würde, würden die Erzeuger eben ihre Kraftwerke so weit drosseln. Das wäre prima. Es wird aber nicht so schnell gehen, weil nicht gleich so viele mitmachen. Da braucht es erst den Vorbild-Effekt (Punkt 7). Also wird es wohl auch hier eine gewachsene Veränderung.

Grüße, Wolfram
#84150
Wolfram hat geschrieben:Das Schöne ist, dass man die Kulturrevolution schrittweise angehen kann.
Wer möchte, kann sofort anfangen. Andere werden ihm vielleicht früher oder später folgen.


Ich glaube das nicht.

Rohstoff-/Energieverbrauch werden immer weiter ansteigen, selbst dann
wenn 90% der Bevölkerung mit einem Minimum auskommen muss oder will.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kardaschow-Skala

Was es vielleicht geben wird, kleinere Rückschläge wenn sich die Quellen
oder die Einsatzgebiete ändern.

Vereinfacht wenn es ums Sparen, Effizienz oder Suffizienz geht:

Und wenn der eine spart, freut sich ein anderer z.B. über niedrigere Preise.
Durch Rebound-Effekte wird eher mehr Energie verbraucht.
Auch Suffizienz ist nicht frei von diesen Effekten. Beides ein grundsätzliches
Problem, was jeden gut gemeinten Versuch vereiteln wird.

cu AlexP
von Wolfram
#84154
Hallo AlexP,

ich kenne diese Einwände und habe das auch in Punkt 7 angedeutet.

Bei größeren Veränderungen gibt es meist vorher viele Leute, die nicht daran glauben. Wie viele haben vorher nicht an eine Wiedervereinigung Deutschlands geglaubt?

Von mir aus können ruhig Leute allerlei Theorien aufstellen, wie Jevons Paradoxon bzw. Rebound-Effekt (z.B. Energiesparlampen lässt man dafür länger brennen) oder dass sowieso alles verheizt wird, was brennt (Kardaschow-Skala). Genau genommen habe ich selbst manchmal so ähnlich argumentiert: "Das Angebot sucht sich seinen Verbrauch und wenn es höher wäre, würden die Leute eben draußen heizen oder täglich ins Ausland pendeln" (zum Teil leider schon von der Realität eingeholt, Beispiel Heizpilze).

Solche Theorien werden aber nicht unbedingt und auf alle Zeit der Realität gerecht. Sie blenden aus, dass Menschen bewusst handeln können. Bei einer kleinen Gruppe ist das gut sichtbar. Die Karawane kommt eben mit knappem Wasservorrat durch die Wüste, weil jeder so anständig ist, das Wasser nicht zu vergeuden. Dieses Verhalten der ganzen Menschheit zuzutrauen erfordert schon etwas mehr "Mut".

Zumindest bleibt mir das Prinzip, vor meiner eigenen Türe zu kehren. Ich glaube an dieses Prinzip. Es hat schon seinen Grund, dass es entstanden ist.
Sollen andere Leute machen was sie wollen (nein, gleichgültig ist mir das auch nicht - deswegen mache ich Werbung für's Energiesparen).

Mir ist es vor allem wichtig, vor mir selber gerade stehen zu können. Auf was schaue ich zurück, wenn mein Leben zu Ende geht? War ich Teil der "schäbigsten Gesellschaft aller Zeiten" (Punkt 2)? Oder habe ich mich wenigstens für meinen Teil bemüht?

Es gibt viele Leute, die so denken. Das wurde mir z.B. auf den Anti-Atom-Demonstrationen in Berlin und München klar. Man muss schon einige Mühe und Kosten auf sich nehmen, um teils von weit her dort hin zu reisen. Vielen Leuten war es das wert. Sie wollen den Atomstrom nicht. Sie wollten sich davon distanzieren, dass wir nachfolgenden Generationen Atommüll hinterlassen und eine belastete Biosphäre. Ich distanziere mich auch davon. Nicht in meinem Namen!

Wenn ich in einer Abstimmung nur die beiden Möglichkeiten hätte:

- Die Menschen werden mit Atomstrom versorgt.
- Es gibt keinen Strom.

würde ich die zweite Option wählen, also lieber ganz ohne Strom leben. (Das heißt im Moment noch nicht, dass ich auswandere, denn mir ist nicht gleichgültig, wie sich mein Land entwickelt.)
Wir müssen aber nicht ganz verzichten, denn wir haben ja die Wasserkraft u.ä.

Grüße, Wolfram
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von AlexP
#84156
Wolfram hat geschrieben:Bei größeren Veränderungen gibt es meist vorher viele Leute, die nicht daran glauben. Wie viele haben vorher nicht an eine Wiedervereinigung Deutschlands geglaubt?


Das Problem ist, dass diese Theorien sich aus der Praxis ergeben haben und
zwar nicht seit gestern, sondern über ein paar tausend Jahre Menschheit.

Um obige Ideen durchzusetzen brauchst du global mehr als eine Mehrheit,
auch weil die Politik nicht so ohne weiteres Bürgerinteressen durchsetzt,
eher sogar bekämpft. Diese Bürgermehrheit muss nicht nur positiv eingestellt
sein, die muss auch aktiv handeln. Und in genau dem Punkt bin ich sehr
pessimistisch.

Bleibst du unterhalb der kritischen Masse, die etwas bewegen kann, so ist
das sparende Handeln in der Sache eher schädlich, wenn auch für das
eigene Gewissen beruhigend (sofern man obige Theorien ignorieren kann).

Ich bin trotzdem der Ansicht, dass man es versuchen sollte. Ist aber
deutlich komplexer als man so denkt.

cu AlexP
von GKM
#84157
AlexP hat geschrieben:
Wolfram hat geschrieben:Bei größeren Veränderungen gibt es meist vorher viele Leute, die nicht daran glauben. Wie viele haben vorher nicht an eine Wiedervereinigung Deutschlands geglaubt?


Das Problem ist, dass diese Theorien sich aus der Praxis ergeben haben und
zwar nicht seit gestern, sondern über ein paar tausend Jahre Menschheit.

Um obige Ideen durchzusetzen brauchst du global mehr als eine Mehrheit,
auch weil die Politik nicht so ohne weiteres Bürgerinteressen durchsetzt,
eher sogar bekämpft. Diese Bürgermehrheit muss nicht nur positiv eingestellt
sein, die muss auch aktiv handeln. Und in genau dem Punkt bin ich sehr
pessimistisch.

Bleibst du unterhalb der kritischen Masse, die etwas bewegen kann, so ist
das sparende Handeln in der Sache eher schädlich, wenn auch für das
eigene Gewissen beruhigend (sofern man obige Theorien ignorieren kann).

Ich bin trotzdem der Ansicht, dass man es versuchen sollte. Ist aber
deutlich komplexer als man so denkt.

cu AlexP


Deshalb würde ich das auch Kulturwandel nennen. Jeder einzelne kann
sich logische Konsequenzen herleiten und auch versuchen umzusetzen.
Aber alles bleibt dabei im Rahmen unserer bald nicht mehr
funktionierenden kulturellen Überzeugungen.

Wenn ich den Hinweis auf die Kardaschow-Skala richtig verstehe,
bewegt sich diese "Methode zur Einordnung der technologischen
Entwicklungsstufe einer Zivilisation" ausschließlich in unserem
Bewertungsrahmen.
Die Skala misst die Qualität der Entwicklung mit den Maßstäben eben der
eigenen Entwicklung und ist damit ohne jede Bedeutung. Sie spiegelt nur
das wieder was wir uns selber vormachen.

Außerhalb der eigenen Bewertungsmaßstäbe kann man sich aber schlicht
nicht Bewegen ohne zumindest ein Kautz oder Außenseiter zu sein.
Und genau hier beginnt das Problem:
Bewegt sich jemand am Rande der allgemein für gut und richtig
befundenen Bewertungsmaßstäbe kann er möglicherweise etwas
bewegen wenn derjenige viel Kraft hat. Bewegt man sich aber
außerhalb dieser allgemein anerkannten Bewertungsmaßstäbe, dann wird
man sicherlich bald ins Irrenhaus gesteckt.
Da trifft die Aussage von Helmut sicherlich ungewollt genau den Kern der
Schwierigkeiten:
Helmut hat geschrieben:"...nach meiner Erfahrung ist der Anteil laienhaft
ausgedrückt „zum Wahnsinn“ geneigter Menschen unter „Fahrradfreaks“
signifikant höher als bei nicht oder nur gelegentlichen Fahrradfahrern"


Aber sicherlich richtig ist auch, das nur dann, wenn es immer mehr
"Wahnsinnige" gibt, sich etwas verändert. Ob das dann zum Besseren ist
haben wir dann an neuen Maßstäben zu messen.

Gruß GKM
Benutzeravatar
von Beamtenfinanzierer
#84160
Hallo Wolfram

Toller Beitrag, der eigentlich in die Tageszeitung gehört.

zu Punkt 1

Das Verheizen von Öl ( Ölheizung ) sollte in D komplett verboten werden.

zu Punkt 2

Die jetzige Regierung hat vor der Atomlobby auf gut deutsch"den Schwanz eingezogen", nach der Deviese, Atomstrom ist billiger als EE.
Die Folgekosten für die nachfolgenden Generationen ist der schwarz-
gelben Regierung vollkommen egal und die gehen in die zig Mrd.
Für Schwarz-Gelb zählt nur Wirtschaftswachstum, egal um welchen Preis.

zu Punkt 3

Bei der jetzigen Lebensweise benötigen wir 2 Planeten.
Jeder will Wohlstand und keiner ( oder nur ganz wenige ) will darauf verzichten .
Die Medien verblenden zum grössten Teil den Menschen zu mehr Kaufsucht und Verschwendung.
In Deutschland ist ja die Bevölkerungsentwicklung eh rückläufig, was den
Eliten in der Regierung und Wirtschaft nicht passt,
denn wer soll dann noch ihnen den Lebensabend finanzieren ?

zu Punkt 4

Das ist schon eines der grössten Gefahren des Planeten, wenn das Ökosystem für Biosprit ,u.s.w. vernichtet wird.
Hatte ich eigentlich schon geschrieben, die Natur selektiert jeden, der mehr Energie verbraucht , als notwendig.
Momentan sieht es so aus, das wir Zweibeiner, die jüngste Lebensform auf den Planeten, uns in naher Zukunft als erstes wieder verabschieden können vom Planeten, wenn nicht die Einsicht zum Energie-und Resourcensparen kommt.

zu Punkt 5

Die riskanten Tiefseebohrungen können ohne Zweifel zum Umweltgau
( Golf von Mexiko ) führen.

zu Punkt 6

Das ist wohl das Problem, wir als rohstoffarme Nation werden unsere
hochwertigen Waren gegen fossile Rohstoffe ( die sich zum grössten Teil
in Rauch auflösen werden ) eintauschen.

zu Punkt 7

Das ist ein heikles Thema, ich versuche schon im Umfeld die Leute zur
sparsamen Lebensweise zu überzeugen.
Es gelingt mir ganz selten, es gilt immer noch der Slogan: Mein Haus,mein BMW,mein Pool u.s.w..
Es kommen da ganz skurile Antworten wie z.B. " Wenn das Öl knapp wird,gibt es schon in den Schubladen Ersatz für Öl.
Wenn ich dann frage ,welchen Ersatz , Schulterzucken.
Bei den Punkt Solaranlagen heisst es dann: Das investierte Geld bekommt
man nicht wieder rein.
So,so, was hat der Euro denn noch in 10 Jahren an Wert ? Vieleicht kostet das Brot ja in 10 Jahren soviel, was heute eine Solaranlage kostet.
Hyperinflationen gab es schon.

zu Punkt 8

Auf vieles kann verzichtet werden , nur heute wollen es die wenigsten.
Ob Handy,PC, TV u.s.w., die Leute haben sich an den Komfort gewöhnt
und es ist wie eine Droge, von der man ganz schwer wegkommt.

Mein Holz spalte ich mit dem Beil, statt Holzspalter, Laub wird mit der Harke beseitigt ( statt dröhnenden Laubsauger ) und auch nicht mit dem PKW zum Kompostwerk gebracht, sondern selber kompostiert.

Beim Kaufen wird auf regionale Lebensmittel gesetzt, wenn ich Äpfel im Markt mit der Aufschrift : "Herkunftsland Neuseeland" lese, bekomme ich
Bauchschmerzen.

zu Punkt 9

Bei der jetzigen Regierung bleibt das Illusion.

zu Punkt 10

Für mich ( auch meine Frau ) kein Problem,als gelernte DDR Bürger kennen wir ja den Mangel an vielen Dingen und mussten selber improvisieren.

zu Punkt 11

Auf Plastiktüten wird schon fast ganz verzichtet, aus einer alten Palette
baute ich eine Einkaufskiste zusammen und die hält über Jahre und Holz
wächst ja bekanntlich nach.

Papier kann schon durch ein kleines Stück Papier mit der Aufschrift am Briefkasten: "Keine Werbung" gespart werden.

zu Punkt 12

Jahresenergieverbrauch von einst 3600 Kw/h ( 3 Personenhaushalt )
auf 2100 Kw/h ( 4 Personenhaushalt ) zurückgefahren, mehr geht z.Z nicht.
Haus besteht zu 90 Prozent aus nachwachsenden Rohstoff ( Holz ) und heizen auch mit Holz ( kein Gas und Öl ).

Sparen macht schon Spass, wenn der Wille da ist .

Gruss Andreas
von Wolfram
#84165
Hallo AlexP und GKM,

ich finde, man sollte solche Theorien (das ist das richtige Wort) nicht überbewerten - das würde heißen, ihnen zu viel Ehre anzutun.

Der Rebound-Effekt ist relevant, wenn es nur um Effizienzsteigerung geht (z.B. die Energiesparlampe ... die man zum Ausgleich länger brennen lässt). Sobald aber jemand eine Senkung des Verbrauchs anstrebt, kann er sich bewusst anders verhalten und die Energiesparlampe auch nur möglichst wenig verwenden (nur als Beispiel).
Ähnlich ist es mit anderen Rebound-Wirkungen. Ich hatte den Begriff zwar nicht namentlich erwähnt, aber teilweise behandelt:

Indirekter Rebound (Wikipedia-Seite): Wer dank Effizienzsteigerung Energie und damit Geld spart, gibt das Geld für anderes aus, das ebenfalls Energie verbraucht.
Zum Vergleich mein Punkt 12: Insider werden vielleicht sagen, dass man so gar nicht Energie sparen kann. Wer auf manche Fahrt mit dem Auto verzichtet oder immer brav das Licht ausschaltet ... der wird das gesparte Geld schließlich für etwas anderes verwenden, das ebenfalls Energieverbrauch bedeutet, vielleicht ein Urlaubsreise. (Und es folgt mein Vorschlag zur Abhilfe ...)

General equilibrium effects (Wikipedia-Seite): Was einer spart, verbraucht ein anderer.
Zum Vergleich mein Punkt 7: Manche argumentieren: "Das was ich spare verbrauchen dann eben andere."

Ich habe diese Theorie also nicht ignoriert, sondern bereits im Eingangsbeitrag behandelt.


Herr Kardaschow (erst 1932 geboren) möchte den Entwicklungsstand einer Zivilisation daran messen, wie viel der auf dem Planeten (bzw. im Planetensystem bzw. in der Galaxie (!)) verfügbaren Leistung sie nutzen kann. Bitteschön, wenn's ihm gefällt. An diesem Astrophysiker ist wohl ein Science-Fiction-Autor verloren gegangen ;-) Anders gesagt: Seine Theorie ist zurecht ziemlich unbekannt.

Diesen Maßstab hat ja GKM schon schön relativiert.


Manche Menschen versuchen eben immer wieder, Dinge auf ein möglichst einfachens Maß zu reduzieren. Bei radioaktiver Strahlung erwähnte ich schon den Becquerel-Wert, der relativ wenig aussagekräftig ist. Bei Lebensmitteln sind es die Calorien (der Heizwert, wenn man das Lebensmittel trocknet und verbrennt). Was sagt das schon über die Qualität eines Lebensmittels aus? Wer das erfunden hat, scheint nicht gerade ein Feinschmecker zu sein ;-)

Mich erinnert es an einen Radiobeitrag, der das Maß aller Dinge für Wohlstand bei uns, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), so schön auf's Korn nimmt.

Neues Wohlstandskonzept - Wachstum alternativ berechnet
Ein Autounfall ... geht positiv in die Statistik ein wegen der teuren Reparaturen und dem Krankenhausaufenthalt ...
Als Podcast zum Nachhören (oder am besten gleich herunter laden -> nur einmal Traffic, auch wenn man's mehrmals anhören will):
Neues Wohlstandskonzept - Wachstum alternativ berechnet


Gute Unterhaltung damit, Wolfram
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von AlexP
#84172
Beamtenfinanzierer hat geschrieben:Auf vieles kann verzichtet werden , nur heute wollen es die wenigsten.
Ob Handy,PC, TV u.s.w., die Leute haben sich an den Komfort gewöhnt
und es ist wie eine Droge, von der man ganz schwer wegkommt.


Ich halte Internet und PC bzw. Smartphone für unverzichtbar, gerade wenn
man die Welt positiv verändern möchte. TV braucht man mittelfristig nicht
mehr.

cu AlexP
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von Hubberttus
#106391
Ich fürchte, dass "Spart Geld" wohl der Hauptgrund ist. Die Umwelt ist den meisten Menschen wohl eher egal.
Aber die Hauptsache ist ja dann, dass die Energie gespart wird und nicht sinnlos verbraucht wird.
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