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Eigener Artikel
Interview mit Frau Prof. Dr.Kemfert
DIW-Berlin
Wir hatten das Glück das uns Frau Kemfert vom DIW-Berlin
uns für die Beantwortung zahlreicher Fragen zur Verfügung stand.
1. Arbeit des DIW Berlin
1.1 Auf welche Quellen greifen Sie bei ihren Vorhersagen zurück?
Wir greifen auf die zugänglichen Daten der Internationalen Energieagentur, der Energy Information Administration (EIA), des BGR, BP, Shell und weiteren Energiestatistiken zurück. Wir berücksichtigen neben den internationalen Datenquellen ebenso die geopolitischen Risikofaktoren und ökonomische und politische Entwicklungen im Bereich Energie und Klimaschutz.
1.2 Haben Sie ein bestimmtes Modell, dass Sie jährlich updaten oder entwickeln Sie immer ein neues?
Wir verwenden verschiedene Modelle, neben der Datenauswertung berücksichtigen wie Partial- und allgemeine Gleichgewichtsmodelle sowie spieltheoretische Modelle.
1.3 Was halten Sie von „alternativen“ Experten wie der ASPO, der EWG oder Webseiten wie "theoildrum.com"? Lesen und beachten Sie deren Arbeiten?
Ja, wir lesen und beachten diese Arbeiten, wie alle Arbeiten zu den unterschiedlichen „Peak Oil“ Theorien. Es gibt pessimistische und optimistische Einschätzungen. Allerdings ist es wichtig zu verstehen, dass verschiedenste Forschergruppen die Datenunsicherheiten und – ungenauigkeiten sehr unterschiedlich interpretieren. Wir halten nichts von Verschwörungstheorien, sondern eher von Transparenz.
1.4 Eine Frage zu ökonomischen Auswirkungen eines globalen Fördermaximums: Wie müsste ein Indikator aufgebaut sein, der die Erwartungen der Marktteilnehmer bezüglich des globalen Fördermaximums abbildet. Relevante Aspekte: messbare Auswirkungen auf den Preis, statistische Methodik etc.. Wie wäre dieses Verfahren theoretisch falsifizierbar?
Der Indikator muss in erster Linie die geologischen Faktoren berücksichtigen und die ökonomischen Möglichkeiten des Ausbaus der Ölförderung unter Berücksichtigung der geopolitischen Risikofaktoren. Eine Szenariomethodik ist verifizierbar.
1.5 Welchen Einfluss hat das DIW auf Wirtschaft und Politik?
Das DIW betreibt in erster Linie wissenschaftliche Grundlagenforschung, berät aber auch Ministerien, Unternehmen oder sonstige Institutionen auf unterschiedlichsten Ebenen. Die Politik entscheidet allerdings selbst, welche Schlussfolgerungen sie aus unseren Ergebnissen zieht.
1.6 Eine wissenschaftspolitische Frage: Beim Thema Klimawandel arbeiten mittlerweile Naturwissenschaftler und Ökonomen zusammen. Beim Thema Ölfördermaximum habe ich den Eindruck, dass die beteiligten Diskurse oft aneinander vorbei reden. Gibt es beim Thema Ölfördermaximum/Energieverknappung bereits eine engere Zusammenarbeit? Wenn nicht: Halten Sie nicht eine solche Zusammenarbeit für geboten? Ist in Deutschland eine interdisziplinäre Forschungsgruppe zum Thema realistisch?
Ich denke, dass es auf jeden Fall Sinn macht, dass Naturwissenschaftler mit Ökonomen zusammenarbeiten- insbesondere im Bereich der Energieforschung. Ich würde eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe zu dem Thema für dingend notwendig erachten.
1.7 Wie sehen Sie die Verantwortung der Energieagenturen und des DIW für die heutige Situation, in der es die Gesellschaft weitestgehend verpasst hat, sich unabhängiger von den knapper und teurer werdenden fossilen Rohstoffen zu machen?
Leider reagieren die Gesellschaft und die Politik in erster Linie auf Preisänderungen, sie antizipieren weniger die zukünftigen Entwicklungen. Die Energieagenturen haben die Aufgabe, die Datensituation aufzubereiten, damit die Politik schwierige Entscheidungen leichter umsetzen kann.
1.8 Sie als Ökonomin sind es ja gewohnt, die Volkswirtschaft daraufhin zu analysieren, wie Märkte funktionieren, z.B. Nachfrage schafft neues Angebot usw. Inwiefern fühlen Sie sich da kompetent, auch naturwissenschaftliche Fragen zu berücksichtigen, z.B. die Frage der geologischen Verfügbarkeit von Erdöl oder die Frage, welche neuen Technologien physikalisch tatsächlich möglich und energetisch sinnvoll sind? Oder auf wessen Aussagen verlassen Sie sich da?
Wir basieren unsere Untersuchungen auf geologische Untersuchungen und Berichte, wie bspw. des BGR.
2. Preis:
2.1 Angesichts von Aussagen wie [1] oder [2], scheint das DIW von der aktuellen Preisentwicklung überrascht. Aus welchen Gründen war der rasante Ölpreisanstieg auf knapp unter 150$ so schwer absehbar bzw. welche Erwartungen haben Sie an die zukünftige Entwicklung?
Die Ölpreisentwicklung ist immer schwer vorhersehbar. Ein derartig rascher Preisanstieg ist nur mit unterschiedlichsten Sonderfaktoren zu erklären: US Finanzkrise und damit der schwache Dollar, zudem das zunehmende Interesse von Anlegern in Rohstoffe wie auch Öl. Ein schwacher Dollar hat schon in der Vergangenheit dazu geführt, dass der Ölpreis steigt- da Öl in Dollar gehandelt wird. Dass die Nachfragesteigerung unterschätzt und die Ölangebotsausweitung überschätzt wurde und wird, war bekannt- dies führt zwangsläufig zu steigenden Preisen. Allerdings scheinen die Märkte die zukünftigen Preise zu antizipieren, das war für diesen Zeitraum kaum vorhersehbar. Auch die zukünftige Entwicklung des Ölpreises ist schwer vorherzusehen, da es genügend Faktoren gibt, die den Preis nach unten bewegen lassen können: abschwächende Weltkonjunktur, Reduktion der Subventionen von fossiler Energie und damit eine Nachfragereduktion bei Preisanstieg, verstärkter Einsatz von Kohle als Energieträger, Klimaschutzpolitik und eine generelle Abkehr vom öl.
2.2 Da das DIW auch in der Vergangenheit die Preisentwicklung immer unterschätzt hat, kann es sein, dass ihre Datengrundlagen und/oder ihr Rechenmodell grundsätzlich falsch sind?
Die Datengrundlagen, politische und wirtschaftliche Entwicklungen sind grundsätzlich zu unsicher, um genaue Prognosen des Ölpreises abzugeben. Institutionen können mögliche Entwicklungen unter bestimmten Voraussetzungen und verschiedene Szenarien aufzeigen- mehr nicht.
3. Versorgung und Ölförderung
3.1 Wie vertrauenswürdig bewertet das DIW die Angaben der saudischen Ölvorräte und die der Kuwaitischen Regierung?
Grundsätzliche sind diese Datenangaben mit großer Unsicherheit behaftet- die nur aufzuheben sind, indem unabhängige Institutionen sich ein genaues Bild vor Ort machen würden- die IEA hat dies wohl vor.
3.2 Die IEA hat angekündigt in ihrem neuem WEO 2008 der im November erscheinen wird,
Ihre Aussagen zu zur Erdölversorgung zu revidieren.[3]
Falls Ihre Arbeiten und Prognosen sich hauptsächlich auf Daten der IEA stützen, wird dann auch das DIW seine Aussagen korrigieren?
Wir haben uns nur teilweise unsere Untersuchungen und Bewertungen auf das Datenmaterial der IEA gestützt, vor allem haben wir nie die optimistische Sicht über die mögliche Ölangebotsausweitung geteilt und die IEA darauf hingewiesen, dass sie die Nachfragesteigerungen, insbesondere aus China, Russland und Indien, stark unterschätzt. Letztere Länder subventionieren die fossile Energie, sodass es zu Marktverzerrungen kommt.
3.3 Wann sehen Sie:
a) den Punkt des Fördermaximums erreicht?
b) den Punkt an dem die Nachfrage das Angebot der Förderung übersteigt?
a und b) Voraussichtlich im Zeitraum von 2020 bis 2025
3.4 In vielen Ländern der Welt gibt es bereits heute Versorgungsengpässe und Rationierungen von Erdöl und Energie, wann erwarten Sie in Deutschland erste staatliche Maßnahmen wie Fahrverbote oder Tempolimits, um den Verbrauch zu senken?
Ich hoffe, nie! Denn wenn Deutschland es schafft, ausreichende alternative Techniken anzubieten, kann die Mobilität aufrechterhalten bleiben. Wir benötigen CO2 freie, sichere und bezahlbare Kraftstoffe- und dies flächendeckend. Der Hohe Ölpreis gibt genügend Anreiz, in die Erforschung neuer Techniken zu investieren- allerdings wird auch wieder verstärkt Kohle eingesetzt- zur Verflüssigung oder Vergasung, dies ist aus Klimaschutzgründen unverantwortlich.
4. Alternativen zu Erdöl:
Kohle:
4.1 Unterstellt man, dass das gegenwärtige Preisniveau bei Öl und Gas mittelfristig gleich bleibt, welche Angebotsmengen halten Sie dann für Rohölersatz aus Ölsanden und Kohleverflüssigung in den nächsten 5 bis 10 Jahren für möglich? Mir ist klar, dass man dazu keine genaue Zahl ermitteln kann, aber wie viele Nullen die Zahl wohl hätte, das würde mich schon interessieren. Wenn Sie keine Zahl nennen wollen, wo sehen Sie mittelfristig den "Flaschenhals," bei der Fördermenge an Kohle, oder den zur Verflüssigung benötigten Anlagen?
Aus Klimaschutzgründen darf dies keine weltweit realistisches Szenario werden. Sicherlich ist die statistische Reichweite von Kohle deutlich länger als von Öl und Gas. Eine genaue Zahl ist schon deshalb nicht zu nennen, da der Kohleeinsatz aus Klimaschutzgründen höchstwahrscheinlich reduziert werden wird.
Erdgas:
4.2 Wie schätzen Sie das zukünftige Potential für die weltweite Erdgasförderung ein? Würden Sie es an dieser Stelle wagen, eine Schätzung für ein Fördermaximum anzugeben bzw. das Niveau der maximal möglichen Fördermenge anzugeben? (Auch hier sei das heutige Preisniveau unterstellt).
Dies ist sehr schwer zu beziffern. Vermutlich wird es einige Jahrzehnte nach dem Ölfördermaximum erreicht werden.
Atomkraft:
4.3 Der aus Erneuerbaren Energien gewonnene Stromanteil steigt rasant an, von 4% im Jahr 2000 auf bereits 15% im Jahr 2008. Die Nutzung von Atomkraftwerken dagegen manifestiert die alten zentralistischen Versorgungsstrukturen und verhindert den notwendigen Umbau der Netze in Richtung dezentraler EEs. Warum befürworten Sie trotzdem längere Laufzeiten für AKWs?
Ja, denn eine Verlängerung der Laufzeiten sicherer Kernkraftwerke verschafft die notwendige Zeit- um die erneuerbaren Energien auszubauen, die Kohle umweltfreundlicher zu machen und die Energieeffizienz deutlich zu verbessern. Es müsste allerdings in einem möglichen Abkommen sichergestellt werden, dass verstärkt Gelder in die Erforschung neuer Techniken und in den Ausbau der erneuerbaren Energien fließen.
Erneuerbare Energiequellen:
4.4 Ein hoher Anteil von Erneuerbaren Energien kann nach Meinung vieler Fachleute viel besser mit
einem bidirektionalen Netzmanagement , also flexiblen Preisen in das Stromnetz integriert werden. Es gibt bereits große Modellprojekte (z.b. die Modellstadt Mannheim) und ausgereifte technische Lösungen. Es mangelt nur an der der politischen Unterstützung und dem Willen zur Umsetzung. Sie könnten mit Ihrer Medienpräsenz sicher zur Akzeptanz eines solchen Systems beitragen. Wie ist Ihre Position dazu?
Sicherlich kann und muss das EEG zu mehr Marktwirtschaft führen, d.h. die Direkterbmarktung möglich sein und flexible Preise die Attraktivität des Ausbaus erneuerbarer Energien erhöhen. Spanien macht dies sehr gekonnt vor. Europa will den Anteil erneuerbaren Energien deutlich erhöhen und mittelfristig ein einheitliches System voranbringen. Ein erfolgreiches Netzmanagement ist Teil der Problemlösung.
5. Gesellschaft:
5.1 Auch die Effizienzsteigerungen seit den ersten beiden Ölkrisen haben eine Steigerung des Energienachfrage nicht verhindert. Wie stellen Sie daher sich eine Wirtschaft vor, die in Zukunft nur noch auf sinkende Nettoenergieerträge hoffen darf? Kann dies alles zeitig durch Effizienzsteigerungen und Regenerative Energien abgefangen werden?
Sicherlich wird die Energieeffizienzverbesserung in vielen Bereichen dazu führen, dass die Energienachfragesteigerung deutlich abnimmt, insbesondere im Bereich Mobilität und Gebäude. Allerdings können Energieeffizienzverbesserungen allein sicherlich nicht dazu beitragen, die Energiekrise zu überwinden. Wir benötigen CO2 freie, sichere und bezahlbare Energieformen.
6. Privates
6.1 Beschäftigen Sie sich über die beruflichen Dinge hinaus auch im privaten Rahmen mit Peak-Oil Themen/ Energiefragen, d.h. haben Sie möglicherweise bereits Peak-Oil-Belletristik bzw. Peak-Oil-Sachbuchliteratur gelesen (ich denke hierbei an A. Eschbach "Ausgebrannt") - bzw. was meinen Sie dazu?
Manchmal lese ich auch Peak Oil Belletristik- sie gehören aber nicht zu meinen favorisierten Sachbüchern.
6.2 Hat Ihr Wissen um die knapper werdenden fossilen Energiequellen auch bei ihnen im eigenen Haushalt- und Mobilitätsverhalten zu Änderungen geführt?
Gewiss- schon seit Jahren fahre ich Bahn und Fahrrad und wir machen in Deutschland Urlaub, zudem bin ich Vegetarierin und beziehe schwerpunktmäßig Öko-Produkte. Lange Flugstrecken kompensiere ich über klimaneutrale Projekte.
6.3 Sagt Ihnen der Begriff „Ökologischer Rucksack „oder “Ökologischer Fußabdruck“ etwas, und setzen Sie Ihre tägliche Handlungsweisen unter deren Maxime?
Ja, sicherlich, schon seit über 10 Jahren achte ich bei allen Produkten auf meinen Footprint. Allerdings haben lange Flugreisen in der Vergangenheit mein Footprint immer weit über die bundesweiten Durchschnitt verlagert- seitdem ich diese neutralisiere sieht es etwas besser aus. Ich würde mir wünschen, dass zukünftig alle Produkte ein deutliches Siegel aufweisen, wie viel Energie bei der Herstellung verbraucht wurde.
6.4 Wären Sie bereit zu einem kleinen Wettspiel mit unserem Forum? Wir glauben, dass wir besser den Ölpreis zum 1.1.2009 vorhersagen können, als das DIW-Berlin. Wenn Sie gewinnen sollten würden wir Ihnen einen „peak Oil Präsentkorb“, gefüllt mit Büchern und Material zum Thema überreichen. Wenn wir näher liegen sollten, dann laden Sie zwei oder drei Vertreter von uns zu einem „kleinen Energiegipfel“ mit Ihnen als Gastgeber ein. Einverstanden?
Eine nette Idee, allerdings nehmen wir weder Geschenke an, noch beteiligen wir uns an Wetten. Wir erstellen grundsätzlich keine Vorhersagen, sondern zeigen mögliche Preisentwicklungen auf. Der Ölpreis ist derzeit so vielen Unsicherheitsfaktoren unterworfen, dass jegliche Bewertung so gut wie unmöglich erscheint. Daher würde ich mich nur auf eine Bandbreite einlassen wollen: 110- 140 $/Barrel (70- 100 Euro pro Barrel).ch zu senken?
Quellen:
[1]3.1.08 Berliner Zeitung
«In fünf Jahren ist ein Ölpreis von 150 Dollar wahrscheinlich, in zehn Jahren sogar ein Preis von 200 Dollar», so die DIW-Expertin.
[2]Öl ist reichlich vorhanden, der Preis müsste eher bei 40 bis 50 Dollar als bei 70 Dollar pro Fass liegen" Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Spiegel-Online vom 23. Mai 2007
[3] Interview mit Fatih Birol in der Ausgabe Mai 2008 in der „internationalen Politik“
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